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Mythen und Fakten über das Rotlichtmilieu: Woher die Zahlen kommen, die jeder zitiert

Mythen und Fakten über das Rotlichtmilieu: Woher die Zahlen kommen, die jeder zitiert

Mythen entstehen selten aus dem Nichts. Im Rotlichtmilieu entstehen sie fast immer aus einer Zahl – einer Zahl, die irgendwann geschätzt, dann zitiert, dann gerundet und schliesslich als Tatsache behandelt wurde. «13’000 bis 20’000 Sexarbeitende», «350’000 Freier», «70 Prozent erleben Gewalt»: Diese Werte stehen in Zeitungsartikeln, in Parteipapieren, in Vernehmlassungsantworten und in parlamentarischen Vorstössen. Kaum jemand prüft, wo sie herkommen.

Dieser Artikel macht genau das. Er listet nicht zum hundertsten Mal Klischees auf, sondern geht den fünf meistzitierten Zahlen zum Schweizer Sexgewerbe an die Wurzel: Wer hat sie erhoben, mit welcher Methode, in welchem Jahr – und was lässt sich daraus seriös ableiten? Wer Mythen und Fakten über das Rotlichtmilieu auseinanderhalten will, braucht keine Meinung, sondern ein Gefühl für Fehlerbalken.

Eine Vorbemerkung, die wichtig ist: Schwache Daten sind kein Argument dafür, dass Gewalt, Ausbeutung oder Menschenhandel im Sexgewerbe nicht existieren. Sie existieren. Aber falsche Präzision schadet beiden Seiten der Debatte – und am meisten den Betroffenen, über die geredet wird.

Warum das Rotlichtmilieu ein Datenvakuum ist

Die Schweiz führt keine nationale Statistik über Sexarbeit. Es gibt keine Berufsgruppe im Erwerbsregister, keine obligatorische Branchenerhebung, kein eidgenössisches Register. Zuständig sind 26 Kantone mit höchst unterschiedlichen Systemen: Einige verlangen Bewilligungen oder Registrierungen für Betriebe und Arbeitende, andere regeln das Thema fast ausschliesslich über Bau-, Zonen- und Gastgewerberecht und wissen entsprechend wenig über die Zahl der tätigen Personen.

Dazu kommt eine strukturelle Besonderheit, die mehr Verwirrung stiftet als jede andere: Ein grosser Teil der Sexarbeitenden aus dem EU/EFTA-Raum arbeitet im Meldeverfahren – maximal 90 Tage pro Kalenderjahr, gemeldet vor Arbeitsbeginn. Das bedeutet, dass durch einen einzelnen Salon im Lauf eines Jahres ein Mehrfaches der Personen zieht, die zu einem beliebigen Zeitpunkt dort arbeiten.

Daraus folgt die erste und wichtigste Unterscheidung dieses Artikels:

  • Momentaufnahme (Stock): Wie viele Personen arbeiten heute im Gewerbe?
  • Jahresdurchlauf (Flow): Wie viele verschiedene Personen arbeiten im Lauf eines Jahres mindestens einmal?

Fast jede Diskussion über «die Zahl der Prostituierten in der Schweiz» vermischt diese beiden Grössen. Der Unterschied kann einen Faktor zwei bis drei betragen.

Zahl 1: «13’000 bis 20’000 Sexarbeitende»

Das ist die berühmteste Zahl der Branche – und sie ist älter, als die meisten denken. Sie geht auf eine Forschungsarbeit von Bugnon und Chimienti aus dem Jahr 2009 zurück und wird seither in Berichten, Medien und Politpapieren weitergetragen.

Der Bundesrat hat die Logik dahinter in einer Stellungnahme 2020 offengelegt: Gestützt auf Schätzungen von 2015 gebe es in der Schweiz rund 6’000 Arbeitsplätze im Sexgewerbe; weil viele Sexarbeitende sich nur kurz im Land aufhalten, gehe man von rund 13’000 bis 20’000 Sexarbeitenden pro Jahr aus.

Das ist die Stock-Flow-Rechnung in Reinform: 6’000 Arbeitsplätze (Momentaufnahme) mal Rotationsfaktor ergibt 13’000 bis 20’000 Personen (Jahresdurchlauf). Wer die obere Zahl verwendet, um zu sagen «in der Schweiz arbeiten 20’000 Frauen in Bordellen», addiert also Menschen, die über zwölf Monate verteilt teils nur wenige Wochen hier waren.

Daneben zirkulieren Werte, die aus ganz anderen Methoden stammen und deshalb nicht vergleichbar sind:

  • Eine Zeitungsumfrage bei allen Stadt- und Kantonspolizeien in den frühen 2010er-Jahren ergab 10’604 Frauen, mit Genf (2’705), Zürich (1’995) und Basel (1’850) an der Spitze. Das misst allerdings polizeiliches Wissen, nicht Realität – und bevorzugt Kantone mit Registrierungspflicht.
  • Das internationale Netzwerk TAMPEP kam auf 25’000. Dieser Wert ist der Ausreisser nach oben und wird selten mit Methodenangabe zitiert.

Fazit: Die Grössenordnung «etwa 5’000 bis 7’000 gleichzeitig, mehrere Zehntausend pro Jahr» ist vertretbar. Jede Angabe mit Punktgenauigkeit ist Fiktion. Und: Alle Zahlen stammen aus den Jahren vor der Pandemie und vor der Digitalisierungswelle.

Zahl 2: «350’000 Freier – jeder fünfte Mann»

Die Zahl der Kundschaft ist noch heikler, weil sie fast nie direkt gemessen wird. Kolportiert wird: rund 350’000 Schweizer Männer kaufen mindestens einmal pro Jahr Sex, also knapp jeder fünfte Mann zwischen 20 und 65. Aus derselben Quellenfamilie stammt die Variante «6’200 bis 18’700 Männer gehen täglich in ein Rotlichtetablissement».

Entscheidend ist, wie solche Zahlen zustande kommen: Sie sind in der Regel rückgerechnet – aus geschätzter Zahl der Arbeitenden, geschätzten Kundenkontakten pro Tag, geschätzten Arbeitstagen. Es sind Hochrechnungen auf Basis von Hochrechnungen, keine Bevölkerungsbefragungen. Die enorme Bandbreite von 6’200 bis 18’700 pro Tag – Faktor drei – ist das ehrlichste Element daran.

Dazu passt die Umsatzschätzung aus einer im Auftrag von fedpol erstellten Studie: eine halbe bis eine Milliarde Franken pro Jahr. Auch hier ist die Spanne der eigentliche Befund.

Fazit: Dass Sexkauf in der Schweiz ein Massenphänomen und nicht die Nische einer Randgruppe ist, lässt sich mit diesen Zahlen stützen. Die Aussage «jeder fünfte Mann» dagegen ist eine Modellannahme, kein Messwert.

Zahl 3: «70 Prozent der Sexarbeiterinnen erleben Gewalt»

Diese Zahl ging 2025/26 durch alle Schweizer Medien, teils mit Titeln wie «Studie schlägt Alarm». Die Grundlage: eine vom nationalen Netzwerk für die Rechte von Sexarbeitenden, ProCoRe, in Auftrag gegebene explorative Studie mit 24 befragten Personen (22 cis Frauen, 2 trans Frauen, 28 bis 63 Jahre).

Die Ergebnisse sind gewichtig: Alle 24 Befragten hatten Formen von Gewalt erlebt; rund 70 Prozent berichteten von sexualisierter Gewalt, am häufigsten in Form von Stealthing – dem heimlichen Entfernen des Kondoms oder dem Versuch dazu. Etwa die Hälfte nannte Diskriminierung, Beleidigungen oder Diebstahl. Als Täter wurden nicht nur Kunden genannt, sondern auch Passanten, Kolleginnen und Ehepartner.

Was die Studie nicht ist: repräsentativ. Bei n = 24 bedeuten «70 Prozent» 17 Personen. Die Forschenden selbst bezeichnen die Arbeit als explorativ, und Fachstellen weisen darauf hin, dass das tatsächliche Ausmass von Gewalt im Gewerbe unbekannt ist, weil systematische Erhebungen fehlen.

Fazit: Die Studie belegt, dass Gewalt – insbesondere Stealthing – ein verbreitetes und bislang unterschätztes Problem ist, und sie liefert wertvolle qualitative Einblicke. Als Prävalenzzahl für «alle Sexarbeitenden in der Schweiz» taugt sie nicht. Wer sie so verwendet, macht aus einer wichtigen Studie einen Mythos.

Zahl 4: «71 Prozent sind gegen ein Sexkaufverbot»

Im Frühling 2026 erschien die erste quantitative Befragung von Sexarbeitenden in der Schweiz zum Thema Sexkaufverbot: eine Masterarbeit an der ZHAW, für die 229 im Milieu tätige Personen mit einem standardisierten Online-Fragebogen befragt wurden. Zugang zum Feld lief über Beratungsstellen als Gatekeeper.

Die Resultate:

  • 71 Prozent lehnen ein Sexkaufverbot ab, 16 Prozent befürworten es, 13 Prozent sind unentschlossen.
  • 52 Prozent halten für die beste Lösung: «Sexarbeit sollte behandelt werden wie jede andere selbständige oder angestellte Arbeit auch.»
  • Erwartet werden bei einem Verbot Einkommenseinbussen (74,4 %), ein sinkendes Sicherheitsgefühl (58,2 %) und mehr Gewalt (46,6 %).

Die wichtigste Einschränkung kam von der Autorin selbst und wurde in der Berichterstattung aufgegriffen: Es bleibe unklar, welche Gruppen von Sexarbeitenden in der Befragung tatsächlich vertreten seien und welche fehlten. Wer über Beratungsstellen und Online-Fragebogen rekrutiert, erreicht tendenziell organisierte, deutsch- oder fremdsprachlich erreichbare, digital angebundene Personen – und gerade nicht die prekärsten Situationen.

Fazit: Ein starkes, erstmals quantifiziertes Signal aus der Branche. Aber keine Volksabstimmung unter allen Sexarbeitenden, und kein Beweis dafür, dass die am stärksten Betroffenen gleich denken.

Zahl 5: Die Opferzahlen beim Menschenhandel

Hier sind die Daten am besten – und werden trotzdem am häufigsten falsch verwendet. Für 2025 weist die Fachstelle FIZ aus: 300 Fälle im Opferschutzprogramm, davon 228 Personen als Opfer von Menschenhandel erkannt, 65 in spezialisierten Schutzunterkünften; 59 Opfer von Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung. Die fünf Organisationen der Plateforme Traite begleiteten zusammen 532 betroffene Personen. Gleichzeitig werden pro Jahr im Durchschnitt nur rund zehn Urteile rechtskräftig.

Drei Lesefehler sind hier Standard:

  1. Beratungszahlen sind keine Prävalenz. 228 betreute Personen heisst: so viele wurden erkannt, erreicht und aufgenommen – nicht: so viele gibt es.
  2. Urteilszahlen sind keine Prävalenz. Rund zehn rechtskräftige Urteile pro Jahr belegen die Schwierigkeit der Beweisführung, nicht die Seltenheit der Tat.
  3. Menschenhandel ist nicht gleich Sexarbeit. Ein erheblicher Teil der erfassten Fälle betrifft Arbeitsausbeutung in anderen Branchen, etwa in Privathaushalten. Wer Opferzahlen pauschal dem Rotlichtmilieu zuschreibt, verzerrt beide Phänomene.

Die Strukturzahlen: «902 Bordelle»

Auch Betriebszahlen haben eine Herkunft. Die meistzitierte stammt aus einer kriminologischen Studie im Auftrag von fedpol, die 902 Salons, Saunaclubs, Kontaktbars oder Escortservices identifizierte. Für die Detailauswertung wurden 543 Betriebe angeschrieben – geantwortet haben 99. Eine Rücklaufquote von rund 18 Prozent ist für dieses Feld respektabel, aber sie bedeutet, dass die Aussagen über Betriebsführung, Preise und Abläufe auf einer selbstselektierten Minderheit beruhen.

Was die Daten trotz aller Unsicherheit zeigen

Einige Entwicklungen sind robust, weil sie sich über mehrere unabhängige Indikatoren zeigen:

  • Der Strassenstrich schrumpft. In Zürich sank die Zahl der Bewilligungen für die zugelassenen Strassenzonen von 85 (2020) auf 60 (2025); auf dem Strichplatz arbeiteten zur Eröffnung vor zwölf Jahren bis zu 30 Personen, heute sind es rund 13.
  • Das Gewerbe verlagert sich ins Digitale. Fachstellen nennen zwei Treiber: das Arbeitsverbot während der Pandemie und die Verschiebung der Kontaktaufnahme ins Netz – diskreter und bequemer für die Kundschaft, flexibler, aber auch isolierter für die Arbeitenden.
  • Die politische Dynamik steigt. Der Nationalrat hat ein Sexkaufverbot nach nordischem Modell schon einmal deutlich verworfen (Motion der EVP, 172 zu 11 Stimmen). Inzwischen fordert die Frauensektion der Mitte strafrechtliche Verschärfungen für Freier und Betreibende, eine Kondompflicht für Kunden sowie besseren Zugang zu Gesundheits- und Altersvorsorge – und prüft eine Volksinitiative für ein nationales Prostitutionsgesetz. Parallel kursieren internationale Studien, etwa eine juristische Auswertung zu Schweden, Norwegen und Frankreich, die Rückgänge der Gesamtzahl und eine Verlagerung ins Digitale feststellt.

Gerade weil diese Debatte an Tempo gewinnt, zählt die Qualität der Zahlen. Gesetze, die auf Schätzungen von 2009 gebaut werden, regulieren ein Gewerbe, das es in dieser Form nicht mehr gibt.

Der 60-Sekunden-Check für jede Milieu-Zahl

Sieben Fragen, die fast jeden Mythos entlarven:

  1. Wer hat erhoben? Behörde, Fachstelle, Interessenverband, Medium?
  2. Wie gross ist n? «70 Prozent» von 24 ist etwas anderes als von 2’400.
  3. Welche Grundgesamtheit? Alle Sexarbeitenden – oder die Erreichbaren?
  4. Momentaufnahme oder Jahresdurchlauf? Der Klassiker aller Fehlzitate.
  5. Beratungs-, Polizei- oder Bevölkerungsdaten? Jede Quelle hat ihren eigenen Filter.
  6. Wie alt ist die Zahl? Vieles stammt aus der Zeit vor 2015.
  7. Wird eine Schätzung als Messung verkauft? Wenn das Wort «rund» verschwunden ist, war meistens eine Spanne dahinter.

Fazit

Die ehrlichste Antwort auf die Frage, wie gross das Schweizer Rotlichtmilieu ist, wie viele Menschen darin Gewalt erleben und wie viele Kunden es hat, lautet: Wir wissen es nur grob. Was wir wissen, sind Grössenordnungen, Spannen und Richtungen – und die reichen für vernünftige Politik und vernünftige Berichterstattung durchaus aus, solange sie als das benannt werden, was sie sind.

Mythen und Fakten über das Rotlichtmilieu trennen sich deshalb weniger an der Frage «stimmt das?» als an der Frage «woher weiss das jemand?». Wer die Herkunft einer Zahl kennt, kann sie richtig verwenden – zugunsten der Menschen, die in diesem Gewerbe arbeiten, und zulasten jener, die es ausnutzen.

Quellen

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